Du ha(tte)st die Wahl, Fisch

Dienstag, 8. September 2026 - 19:00

Am 8. September, zwei Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und zwölf Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, wird es eine Menge zu analysieren und sehr viel zu diskutieren geben. 

In Sachsen-Anhalt wird die AFD im besten Fall weniger Abgeordnete in den Landtag schicken können als CDU, Linke, SPD und Grüne zusammen. Dessen ungeachtet erscheint eine stabile Regierungsmehrheit jenseits der Brandmauer in Sachsen-Anhalt ausgeschlossen, u. a. wegen des absurden Unvereinbarkeitsgelübdes der CDU gegenüber der Linken. So stehen uns im besten Fall extrem unsichere Zeiten bevor, im schlimmsten Fall die erste Alleinregierung einer faschistoiden Partei. 

Für die Wahl am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern erscheint die Situation etwas weniger dramatisch. Manuela Schwesig ist hierzulande die bekannteste und beliebteste Politikerin und es wird der SPD möglicherweise gelingen, Mehrheiten jenseits der AFD zu finden. Aber auch in MV ist das nicht sicher und stark davon abhängig, welche kleinen Parteien es am Ende in den Landtag schaffen. Interessant ist, ob sich die Initiative »taktisch wählen« in Sachsen-Anhalt als erfolgreich erwiesen haben wird und ob der Ansatz auf Mecklenburg-Vorpommern übertragbar ist. Hier wären potenzielle SPD-Wähler:innen davon zu überzeugen, Der Linken und den Grünen ihre Zweitstimme zu geben, um die Grünen in den Landtag zu bringen und das Ergebnis Der Linken zu verbessern und damit, neben stabilen demokratischen Mehrheiten, mehr Vielfalt und Augenhöhe in einer rot-rot-grünen Landesregierung zu ermöglichen.

Jenseits wahlpragmatischer und die nächste Legislaturperiode fokussierender Überlegungen, stellen sich grundsätzlichere Fragen. Wie geht es mit der Demokratie in Deutschland weiter? Welche Chancen bestehen, möglicherweise im Licht des Wahlergebnisses vom 6. September, dass sich auf Bundesebene Mehrheiten für ein Verbotsverfahren gegen die AFD ergeben? Ist es dafür und für die Verhinderung einer faschistischen Diktatur in Deutschland, zumindest in Ostdeutschland, womöglich schon zu spät? »Das Ende der Demokratie in Ostdeutschland wird kommen. Vielleicht ist es schon da«, schreibt Jana Hensel in ihrem Buch »Es war einmal ein Land«. Sie rät: »Wir sollten vorbereitet sein!«.  Aber wie können wir uns auf eine Dystopie vorbereiten? Wie müssen Demokrat:innen auf dem ostdeutschen Land näher zusammenrücken und bisherige Konkurrenzen und Eitelkeiten überwinden? Wie sollen wir mit mutmaßlich AFD-wählenden Nachbar:innen, die (in unserer Gemeinde) bisher meist noch immer die freundlichen, hilfsbereiten Nachbarn sind, die sie schon immer waren, die sich aber keinesfalls von uns aufklären lassen wollen, umgehen? Immerhin reiten sie uns und andere mit ihrer Stimme in die Scheiße. Fragen über Fragen!

Wir freuen uns, das mit Menschen besprechen zu können, die aus Sachsen-Anhalt und Berlin kommen und sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema intellektuell, emotional und praktisch beschäftigen.

Robert Fietzke ist Leiter des soziokulturellen Zentrums »Zora« in Halberstadt am Harz. Er und sein Team haben jahrelange Erfahrungen in der progressiven Jugend- und Kulturarbeit in einer Stadt mit einer gewaltbereiten und aus dem Westen zugezogenen Neonazi-Szene. Im Podcast »Kipppunkt Ost« berichtet er, wie Solidarität und praktisches Engagement helfen, sich nicht ohnmächtig zu fühlen. Robert hat Soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal studiert und ist dort inzwischen Lehrbeauftragter für die Themen Rechtsextremismus, Verschwörungsideologien, Flucht, Migration und Asyl. Er ist aktives Mitglied Der Linken, Mitglied der Stadtratsfraktion und Jugendkoordinator der Linksjugend [‚solid].

Jan Niklas Reiche ist wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Politologie der Martin-Luther-Universität Halle. Er forscht u. a. zu Demokratie und Zivilgesellschaft in Ostdeutschland. In einem in diesem Jahr erschienenen Aufsatz in den Blättern für deutsche und internationale Politik analysiert er, dass Sachsen-Anhalt der AFD als das  »Modellprojekt eines autoritären Umbaus staatlicher Institutionen« dient, und prognostiziert im Falle der Regierungsübernahme schwere Auswirkungen, natürlich für Sachsen-Anhalt, aber auch für den Bund.

Heike Kleffner ist freie Journalistin und Mitherausgeberin des schon erwähnten Podcasts »Kipppunkt Ost« und des 2026 im Fischer Verlag veröffentlichten Sammelbands »Recht gegen rechts«. Heike war Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Beratungsstellen für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Sie wird den Abend aktiv moderieren.

Da es auch um strategische Überlegungen im Hinblick auf die Wahlen am 20. September gehen soll, laden wir Vertreter:innen Der Linken, der Grünen und der SPD zu der Veranstaltung hinzu.

Wir freuen uns auf einen nachdenklichen, mit Sicherheit betrübten, aber gleichzeitig mit einer realistischen Zuversichtlichkeit in die Zukunft schauenden Abend, der in Ausschnitten im Podcast »Kipppunkt Ost« veröffentlicht werden soll.

Die Finanzierung der Fahrtkosten der Podiumsteilnehmer:innen übernimmt Campact e.V.. Der Eintritt ist daher kostenlos!

Das Café Wahrheit öffnet um 18 Uhr und ist auch im Anschluss an die Veranstaltung geöffnet.