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In der SVZ II: »Von Berlin auf die Insel«

Mit Mitte 50 Neustart in Mecklenburg: Paar plant ein besonderes Ferienlager in Schlowe mit Kulturhaus, Werkstatt und Bildungsstätte

Michael Beitien. Schlowe

Im Alter von Mitte 50 beschäftigen sich viele Menschen mit den Planungen für ihre Rentnerzeit. Für Sabine Reichhelm (57) und Jens Mühe (53) ist das kein Thema. Sie haben ihr Haus in Berlin verkauft, ihre festen Jobs aufgegeben und sind nach Schlowe auf die „Insel“ gezogen. Unter diesem Namen wollen sie ein ehemaliges Betriebsferienlager wieder aufleben lassen – als besonderes Ferienlager mit Kulturhaus, Cafè, Textilwerkstatt und Bildungsstätte.

Als die jüngste Tochter mit dem Abitur fertig war, veranstaltete die Familie in Berlin ein Abschiedsfest. Dann zogen alle aus – die Tochter an den Studienort, die Eltern aufs Land nach Mecklenburg. Sie wollten schon länger raus aus Berlin, erzählt Jens Mühe. Ein Kindheitswunsch war, in einer Blockhütte in Kanada zu leben. Zeltlager kennt er aus seiner Zeit bei den Falken, dem Sozialdemokratischen Jugendverband, und seine Lebensgefährtin von den christlichen Pfadfindern. Den Mann ließ die Idee von einem Camp auf dem Lande nicht los, seine Frau träumte von einer Webwerkstatt. Er war Lehrkraft an einer Erzieherfachschule, sie tätig für ein Arbeitsprojekt für psychisch Kranke.

Fünf Jahre lang suchten sie nach einem geeigneten Platz - zunächst im Brandenburgischen und mit der Idee, weiter zur Arbeit nach Berlin zu pendeln. Doch es fand sich nichts Geeignetes. Über ihre große Tochter, die sich im Kinderring engagiert, erfuhren sie von Schlowe, einem Ferienobjekt des Berliner Vereins, das nicht so richtig lief.

Nach zwei Jahren Bedenkzeit übernahmen sie dieses Jahr das Objekt. „Mittlerweile gefällt uns Mecklenburg besser als Brandenburg“, sagt Jens Mühe. Einziger Nachteil von Schloweist die schlechte Anbindung an den Nahverkehr. Das Paar hat sich einen Kleinbus zugelegt, um anreisende Kindergruppen vorrangig vom Bahnhof in Güstrow abzuholen.

Auf dem Gelände herrscht großer Investitionsbedarf. In einen der noch bewohnbaren Bungalows sind Sabine Reichhelm und Jens Mühe eingezogen, bis ihr Haus fertig ist. Durch den Immobilienboom in Berlin konnte das Paar das alte Haus zu einem guten Preis verkaufen. Das reicht, um das Gelände in Schlowe zu kaufen, hier ein Haus zu bauen, sagt Mühe. Und dann bleibt sogar noch etwas übrig für die Pläne auf dem Gelände. Die können die Neu-Schlower allerdings nur verwirklichen, wenn sie Fördermittel erhalten.

Mit einem vor drei Jahren gegründeten Verein wollen sie ein gemeinnützig betriebenes Ferienlager errichten. Acht Bungalows sollen für die ganzjährige Nutzung ausgebaut werden, elf zu Gemeinschafts- und Funktionshäusern – von der Bücherei bis zur Sauna und zum Fahrradschuppen. Einige Bungalows werden abgerissen. Vorgesehen sind auch sechs einfach ausgestattete Biwaks mit Holzbetten und Heu da-rin. Ein großes Gebäude auf dem Areal soll nach dem Umbau zum Kulturhaus auch für öffentliche Veranstaltungen wie Konzerte, Filmvorführungen und Lesungen nutzbar sein. Eine umfängliche, aber behutsame Renovierung und Sanierung der Anlage bei laufendem Betrieb ist das Ziel.

Schweriner Volkszeitung, 11. Oktober 2019